WAZ, 25.03.2009

Wie Bildung wirkt: Diese beiden Frauen wollen Medizin studieren. Vor Jahren waren sie Flüchtlinge, die kein Deutsch konnten


Es gibt Menschen, die haben mit 19 Jahren schon mehr erlebt als andere in einem ganzen Leben. Poonam Jagga (19) zum Beispiel – sie geht aufs Gymnasium an der Wolfskuhle, macht im kommenden Jahr ihr Abitur.

Mit acht kam sie aus Kandahar in Afghanistan, ihre Eltern waren vor den Taliban geflüchtet, vor der nackten Gewalt und der himmelschreienden Armut. Poonam wurde in die Joachim-Grundschule in Kray gesteckt, erste Klasse, ohne ein Wort Deutsch, dabei war Poonam schon acht Jahre alt. Aber: „Eine Schule hatte ich bis dahin noch nie gesehen. Das war schon ein bisschen komisch am Anfang.”

Überhaupt: Vieles war ihr in der Kindheit verwehrt geblieben. „Ich erinnere mich nur daran, dass wir nie ’raus durften und dass vor der Haustür Truppen waren.“ Der Vater war sterbenskrank, Diabetes, auch deshalb die Flucht, im Elisabeth-Krankenhaus rettete man hier sein Leben. Heute kann er wieder arbeiten, und auch die Mutter arbeitet, in einer Großküche.

Benazir Nori, die heute ihren 19. Geburtstag feiert, kam als Dreijährige aus Kabul, vor Jahren war sie erstmals wieder da seit der Flucht, Onkel und Tanten besuchen. „Ich hatte eine Sehnsucht nach meinem Land, obwohl ich kaum Erinnerungen habe.“ Wie es war? „Sehr emotional“, sagt Benazir. Sie war erschüttert über die Verhältnisse in Kabul, ”der Schmutz überall, und die bettelnden Kinder.” Sie geht aufs UNESCO-Aufbaugymnasium und macht in diesem Frühjahr ihr Abitur.

Beide jungen Frauen sind die ersten Kinder in ihren großen Familien, die eine akademische Laufbahn einschlagen. Sie wollen Medizin studieren, anderen Menschen helfen, vor allem in Entwicklungsländern, die Welt ein bisschen besser machen. ”Unsere Eltern sind stolz auf uns”, sagen sie. Poonam sagt: ”Meine Eltern haben es mir ermöglicht, mich auf die Schule zu konzentrieren. Das ist nicht selbstverständlich.” Auch Benazir betont: ”Ich bin stolz auf meine Eltern.” Der Vater betreibt eine Änderungsschneiderei.

Vielleicht hatten Poonam und Benazir mehr Glück als andere. Aber Chancen muss man sich auch erarbeiten. Den beiden Frauen hat geholfen, dass sie seit mehreren Jahren Stipendiatinnen der ”Start Stiftung” sind, einer bundesweit aktiven Initiative für begabte Zuwanderer. Acht Migranten in Essen nehmen derzeit am Stipendium teil, landesweit sind es etwa 180. Es gibt regelmäßig Seminare zu gesellschaftlich relevanten Themen und eine finanzielle Zuwendung – 100 Euro monatlich. Was zählt, sind nicht nur gute Noten, sondern auch gesellschaftliches Engagement. Poonam war zum Zeitpunkt ihrer Bewerbung u.a. Schülersprecherin, Benazir hatte eine Zusatz-Ausbildung als Schulsanitäterin und Praktika im Altenheim hinter sich.

Martin Spletter