WAZ Essen, 01.November 2014

 

Bildungsexperten aus Essens Partnerstädten Tel Aviv und dem englischen Sunderland besuchten die UNESCO-Schule im Südostviertel. Und trafen dort Schüler aus allen Teilen der Erde

Von Christina Wandt


Wenn sich ein Lehrer aus Israel mit einem Schüler aus Essen auf Arabisch unterhält, dann verstehen die deutschen Gastgeber kein Wort. Und spüren doch, dass die Städtepartnerschaft mit Tel Aviv gerade neu belebt wird. Wie jetzt in der UNESCO-Schule im Südostviertel.


Zwei Jahre ist es her, dass Oberbürgermeister Reinhard Paß mit einer Delegation in die israelische Metropole reiste, um die vernachlässigte Freundschaft zu erneuern. Beeindruckt hat die Essener damals die Bialik Rogozin School, die vor allem von Flüchtlingskindern besucht wird. Weil viele nicht nur ihre Heimat, sondern auch die Eltern verloren haben, steht ihnen die Schule von morgens bis abends offen. Wie sagt ein Lehrer: "Ein Zuhause schließt nicht."


Sind Essener Schulen auch ein Zuhause? Wie nimmt man verlorene, verstörte Kinder hier an die Hand? Solche Fragen konnten in dieser Woche sechs Gäste aus Tel Aviv stellen, die zum Gegenbesuch nach Essen gekommen waren. Ganz bewusst hatte man Lehrer, Mitarbeiter der Stadtverwaltung und sozialer Organisationen ausgesucht, hat zudem zwei Vertreter vom Jugendamt der englischen Partnerstadt Sunderland eingeladen. "Wir wollten einen Austausch zum Thema Bildung, Integration, Prävention," sagt Andrea Schmidt, die beim hiesigen Jugendamt für Internationale Jugendarbeit zuständig ist. Denn die drei scheinbar so unterschiedlichen Partnerstädte kämpfen mit ähnlichen sozialen Herausforderungen.


Besichtigen kann man das an der UNESCO-Schule. die 500 Schüler aus 44 Ländern besuchen. Das Aufbau-Gymnasium, das erst mit Klasse 7 startet, sollte einst Arbeiterkinder aufnehmen, die nach der Grundschule noch nicht den Zugang zur höheren Bildung bekommen hatten. Heute nutzen vor allem Flüchtlingskinder diese Schule der zweiten Chance, die ihnen den Weg zum Abitur eröffnet. Die Gäste aus Israel und England wundern sich über die eigentümliche Schulform und darüber, dass die Lehrer diese Jugendlichen ohne die Hilfe von Sozialarbeitern fit machen fürs Abi. "Das wundert uns selbst", so eine Kollegin. Hilfreich sei, dass in den Vorbereitungsklassen ein Jahr lang nur Deutsch auf dem Plan stehe.


Später gibt Johnson aus Liberia seine ganz persönliche Erklärung für den Erfolg der Schule: "Wir haben sehr begabte Lehrer! Sie sind bodenständig, man kann sie immer ansprechen, sie haben ein herzliches Verhältnis zu uns. Sie ermutigen uns!" Da wird mancher Lehrer verlegen, die Gäste sind gerührt.


Johnson ist 19, sein Vater starb vor seiner Geburt, später verlor er seine Mutter, kam zu Verwandten. Seine Odyssee führte ihn nach Ghana, Marokko, Libyen, seit drei Jahren lebt er in Deutschland. Es sei ihm schwer gefallen, die Sprache zu lernen, "aber ich gebe mein Bestes". Johnson besucht die elfte Klasse, steuert das Abi an.


Das will auch Megi Demce aus Albanien machen, 14 Jahre alt, seit fünf Monaten in Essen und von unbekümmertem Selbstbewusstsein: "Wie viele Sprachen beherrschen Sie eigentlich?", will sie von den Besuchern wissen. So kommt es zum eingangs geschilderten arabischen Dialog wie zum Bekenntnis eines Engländers, dass sich seine Sprachkenntnisse eigentlich nur auf den heimischen Dialekt beschränken.


Die Frage, ob die Kinder die Konflikte aus ihren Heimatländern auf dem Schulhof austragen, hat sich für Tali Yanay, die eine Schule in Tel Aviv leitet, da schon beantwortet: "In diesem Raum können wir friedlich durch die ganze Welt reisen. Ihr seid die Zukunft!"