18-Jährige liest in der Casa

 

Jelena Jeremejewa hat einen russischen Vater, eine jüdische Mutter, einen ukrainischen Pass, paukt am Aufbaugymnasium die deutschen Klassiker und nennt Israel ihr Traumziel. Trotzdem hat die 18-Jährige zurzeit nur einen Gedanken: Wie übersteh’ ich den 8. November?


An diesem Tag nämlich hat Jelena Jeremejewa ihren großen Auftritt im Rahmen der Reihe "Erinnerung", die das Schauspielhaus als Begleitprogramm zum Stück "Ab heute heißt du Sara" veranstaltet. Um 19 Uhr berichtet sie in der Casa Nova über ihren ungewöhnlichen Lebensweg von Kiew nach Essen, über alles, was ihre Familie bewogen hat, zunächst nicht und dann doch auszuwandern. "Stationen nach Deutschland" heißt der Abend. Der Vorverkauf hat begonnen. Und Jelena hat eine Menge Lampenfieber.

 

Auf der ersten Seite des Manuskriptes, aus dem Jelena lesen wird, stechen zwei Fragen in Großbuchstaben heraus: "Wohin"? und "Was sollen wir jetzt mit dieser Freiheit?" Es sind die Fragen, die ihre Eltern verunsicherten, als das Sowjetimperium zerfiel. Sechs Jahre, nachdem Jelenas Mutter mit ihrer Tochter die Ukraine verließ, kann die Schülerin der Jahrgangsstufe 12 diese Fragen sich noch nicht richtig beantworten. "Ich bin eine jüdische Christin" sagt sie gern. In die Casa Nova bringt sie Gedichte von Rose Ausländer mit, die Schauspieler des Grillo-Theaters lesen werden. In einer Strophe der jüdischen Dichterin findet sich die Zeile: "Dir fremde Heimat bleibe ich treu."

 

Jelena Jeremejewa fühlt sich wohl in Essen, ihrer neuen, fremden Heimat. "Lange war es schwer, aber jetzt geht es mir sehr gut", sagt sie. Der Abschied aus Kiew war ein gewaltiger Einschnitt für die damals Zwölfjährige. Nicht nur ihre Freunde musste sie zurücklassen, auch ihren Vater. "Der wollte nicht mit", sagt Jelena. Heute fährt sie so oft es geht nach Kiew – mit dem Bus, weil es billiger ist. Gottlob habe sich die Mutter nicht fürs ferne Amerika entschieden.

 

Am Aufbaugymnasium, das seit Februar in das weltweite Netz der sogenannten Unesco-Schulen aufgenommen wurde, hat Jelena inzwischen viele neue Freunde gefunden. Die meisten sind wie sie auf der Suche nach einer neuen Heimat in Essen gelandet. Schüler aus 39 Nationen gehen täglich zur Steinmetzstraße. Ihr gemeinsamer Nenner ist der deutsche Lehrplan. "Manchmal ist es seltsam, wenn wir hier mit jungen Menschen aus völlig anderen Kulturkreisen das deutsche Mittelalter durchnehmen," sagt Lehrerin Sigrid Becker.

 

Für Jelena, die später einmal Psychologie studieren will, ist das jedoch kein Problem. Sie ist ein pragmatischer Mensch. Ihre Facharbeit schrieb auch sie übers Mittelalter. Aber über das ukrainische.

 

Michael Kohlstadt, WAZ Essen, Samstag 21. Oktober 2000