NRZ, 24.4.2008

NRZ-Serie: KLARTEXT – Der Kampf um klügere Kinder.



An der Unesco-Schule mit Schülern aus 48 Nationen werden aus krummen Lebenswegen oft nicht ziemlich geradlinige Bildungslaufbahnen

Stephan Hermsen


Ein Blick auf den Medaillenspiegel: Deutschland: zwei Goldmedaillen, viermal Silber, dreimal Bronze. Russland gewinnt zweimal Gold, einmal Silber. Zwei Goldmedaillen gehen an Bosnien, je eine an Usbekistan und die Ukraine. Silbermedaillen gibt es für Indien, Kasachstan und den Iran, dann verteilen wir noch dreimal Bronze an die Türkei, Kroatien und Sri Lanka. Eine bunte Mischung, wohl wahr. Und das ist nur die Leistungsspitze einer Schule, die einzigartig ist unter den Gymnasien in Essen.


Die Unesco-Schule, die diesen medaillenspiegel ins Internet gestellt hat – vergeben für die jeweils drei besten Abiturienten der vergangenen acht Jahre – macht ihrem Namen alle Ehre. Sie ist Essens internationalstes Gymnasium, hier lernen Schüler aus 48 Ländern, hier münden ihre oft krummen Lebenswege meist in eine geradlinige Bildungslaufbahn.


Emra Ocak zum Beispiel ist ziemlich Slalom gelaufen. Die ersten sechs Jahre lebte sie in Essen, dann sechs Jahre in der Türkei, jetzt wieder sieben Jahre in Essen. Deutsch gehört zu ihren Lieblingsfächern. Texte interpretieren, das macht ihr Spaß. Schillers „Don Carlos“, der Deutschlehrerin Sigrid Becker die Stirn runzeln lässt, findet sie spannend. Note zurzeit: eine Drei.


Russisch lernt die junge Türkin auf dem Schulhof


„Und jetzt spreche ich unter anderem Russisch“, sagt die Zwölftklässlerin – das hat sie von den Mitschülern. Weil sie sich auf dem Schulhof häufiger in die russische Ecke begibt. Zu Evgenia Gorbatko zum Beispiel, der 21-jährigen, die in Russland schon die Vorstufe zur Ausbildung an einer Musikhochschule ablegte und sich in Deutschland in die neunte Klasse zurückfallen ließ, weil sie – wie so viele andere Quereinsteiger – ohne Deutschkenntnisse an die Schule kam. Heute ist sie in der zwölften Klasse, marschiert aufs Abi zu.


Wie geht das? Mit speziellen Vorbereitungsklassen, in denen maximal 15 Schüler sitzen, die bis zu neun Stunden Deutschunterricht pro Woche haben. Und die auch schon mal zu ungewöhnlichen Lernmethoden greifen. „Ich habe anfangs auswendig Sachen auf Deutsch gesagt, von denen ich nicht wusste, was sie bedeuten“, erzählte Wojciech Trzcinski, der vor vier Jahren aus Polen kam. Mit Micky-Maus-Heften erarbeitete sich der 19-Jährige seinen Wortschatz, jetzt steht er im Abitur, er will studieren, war in diesem Jahr bereits für „Essens Beste“ nominiert.

 

Die Vorbereitungsklassen, die bei der offiziellen Schülerzahl nicht eingerechnet werden, und die geringen Anmeldezahlen für das Aufbau-Gymnasium machen der Unesco-Schule heute zu schaffen. Nach der Papierform reichen die Schülerzahlen in den unteren Jahrgängen nicht für den Fortbestand. „Dabei“, so Norbert Kleine-Möllhoff, „haben wir jetzt auch wieder 90 junge Leute im Abitur.“


Doch die Anmeldungen in der Klasse 7 sind mager: Gerade mal 13 neue Schüler waren es in diesem Februar, 16 im Vorjahr. Doch jahrgang für Jahrgang kommen immer mehr Schüler hinzu. Die Aufbauarbeitder Unesco-Schule lässt sich nicht mit den herkömmlichen Parametern messen, deswegen tut sie sich schwer als bunter Papagei im Schwarm der einheimischen Gymnasien, ist immer mal wieder vom Austerben bedroht, so zuletzt im Jahr 2001, als es um die Schließung eines Innenstadt-Gymnasiums ging.


Am immer neuen Schülermix der Schule an der Steinmetzstraße lässt sich immer wieder ablesen, aus welcher Krisenregion der Welt gerade Flüchtlinge nach Essen strömen. Ohne die Unesco-Schule hätten viele von ihnen wohl keinen höheren Bildungsabschluss. Dass es auch anders geht, hat Joanna Nencik erfahren. Als sie nach Deutschland kam, landete sie mitten in Bayern an einer Schule. Polnisch konnte niemand, Englisch wollte niemand mit ihr sprechen. Und Extra-Deutschstunden? Gab es auch nicht.


Katholische Religion mit Juden und Muslimen


Die hatte jedoch auch Shraddha Sharma aus Burma nötig, als sie in die 7. Klasse kam und kaum ein Wort Deutsch sprach. In Asien war sie auf einer englischen Schule, Deutsch hat sie sich eingepaukt, weil ihr Grammatik Spaß macht. Heute kämpft sie um gute Noten, um ihr Traumziel zu erreichen: einen Studienplatz in Zahnmedizin.


„Ich habe in meinem Unterricht in katholischer Religion auch Muslime, Juden und russisch-orthodoxe Christen“, sagt Norbert Kleine-Möllhoff. „Da ist der Unterricht richtig spannend.“ Und auf dem Schulhof? Trotz türkischer und russischer Ecke: es ist friedlich – das sagen alle. Die Konflikte der Welt enden hier auf dem Schulhof.


Auch Dzenana Emric, die junge Serbin aus der neunten Klasse, seit anderthalb Jahren in Essen, hat eine Schulkameradin aus dem Kosovo. „Hier“, sagt sie, „zählt eher die Gemeinsamkeit, dass wir beide vom Balkan sind.“ Weil der globale Spruch, dass jeder fast überall ein Ausländer ist, hier seine lokale Entsprechung erfährt: Hier ist jeder, egal welcher Nationalität, eine Minderheit. Die Unesco-Schule als Ghetto – so groß wie die Welt.