WAZ, 05.12.2015

Vier Schülerinnen aus Syrien erzählen, wie und warum sie nach Essen kamen

Von Marvin Droste

An der UNESCO-Schule im Südost-Viertel hat man seit langer Erfahrung mit der Betreuung von Kindern mit Migrationshintergrund, die zum Teil die deutsche Sprache noch nicht so beherrschen, dass sie am regulären Unterricht teilnehmen können. Vier Schülerinnen, die aus der umkämpften Stadt Aleppo in Syrien stammen, sind seit einiger Zeit dort. Neulich berichteten Judy, Amira, Heva und Slava ihren Mitschülern von den schrecklichen Dingen, die sie in ihrer Heimat und auf der Flucht erlebten.

Überwindung kostet sie das zweifellos. Denn zum Erzählen gehört auch das Erinnern.

Dass sie bitterlich geweint hat, als zum ersten Mal eine Bombe in ihrer Nachbarschaft detonierte, daran erinnert sich die heute 18-jährige Judy noch gut. Mit der Zeit wurde das jedoch zur schrecklichen Gewohnheit. Nachdem ihr Bruder durch eine Kidnapper-Band entführt und die elterliche Plastikfavrik durch eine Bombe zerstört worden war, war für die Familie klar: Eine Flucht ist der einzige Ausweg. Aus dem Flugzeug konnte Judy das ganze Ausmaß der Zerstörung sehen: "Alles war kaputt." In Essen konnte Judy schnell Fuß fassen, da ihre Tante hier bereits länger lebt.

Nach Libyen ging es für die Schwestern Slava (14) und Heva (16) zunächst, doch an ein normales Leben war auch dort nicht zu denken. "Wir durften nicht aus dem Haus gehen und wurden gezwungen, Kopftücher zu tragen", erinnert sich Heva, die ihre schwarzen Haare gerne in einem fransigen Pferdeschwanz trägt. Eine Schlepperbande sollte die Mädchen und ihre Familie nach Italien schleusen - übers Mittelmeer. Mit einem kleinen Schlauchboot wurden die Flüchtlinge zu einem Schiff übergesetzt, das weit vor der libyschen Küste vor Anker lag. "Wir hatten solche Angst zu sterben. Das Wetter war schlecht und wir saßen mit 20 Personen in diesem kleinen Schlauchboot, das die ganze Zeit fürchterlich schaukelte." Auf dem größeren Schiff angekommen, hielt die Erleichterung jedoch nicht lange an: "Kurz vor Italien bemerkten wir, dass Wasser in das Boot eindrang." Die zur Hilfe gerufene Küstenwache konnte die rund 350 Passagiere gerade noch rechtzeitig retten. Über Umwege ging es dann schließlich nach Essen. Hier zu bleiben, sei jedoch eigentlich gar nicht der vordergründige Gedanke. "Meine Eltern haben mir gesagt, dass wir zurückkehren, sobald die Lage sich beruhigt", sagt Amira (18). Das ist bis jetzt jedoch nicht eingetreten - und auch nicht abzusehen.