WAZ 20.07.2004


Zum ersten Mal kürte die Stadt in einem Festakt herausragende Leistungen

 

Und der Gewinner ist ... Mühsam öffnet ein Laudator nach dem anderen den Briefumschlag. Oscar-Atmosphäre beim Festakt in der Philharmonie. In der ersten Reihe hoffen und bangen sie: Essens Beste im Scheinwerferlicht. Zum ersten Mal kürte die Stadt ihre Jugend für außergewöhnliche Leistungen.

Der Gewinner ist zum Beispiel Andreas Papsch. Ein Jugendfeuerwehrmann, der Maschinenbau studiert und für einen Studienaufenthalt in Amerika vorgeschlagen wurde. Lob hat er schon reichlich bekommen, jetzt auch 5000 Euro, die er für Amerika gut gebrauchen kann. Es ist der Ausbildungspreis der Essener Wirtschaft, die sich für ”Essens Beste” stark engagiert. ”Der Erfolg einer Wirtschaft”, sagt Laudator Wolfgang Thielen, ”Steht und fällt mit jungen Menschen.”

Der Gewinner ist Andreas Moor. Der Sohn eines Schweißers aus Usbekistan zeichnet sich durch überragende schulische Leistungen und soziales Engagement aus. Seine Lehrerin hatte ihn vorgeschlagen. Das rührt ihn. Der Preis macht ihn sprachlos, erst recht vor 1000 begeisterten Zuschauern. Was er mit dem Geld mache, wird er gefragt. Er weiß es nicht – wie die meisten.

Die Idee, die ”Besten zu küren”, stammt aus Essens englischer Partnerstadt Sunderland. Dort findet der Akt der Auszeichnung seit vielen Jahren statt. Essen feierte Premiere. Rund 250 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 25 Jahren waren in acht Kategorien für einen Preis vorgeschlagen worden. Preise, die Sponsoren gestiftet haben. Der Sportpreis etwa kommt von der Sparkasse. Ihn bekommt Anna Puck, eine Kampfsportlerin, die nicht nur mit dem Gegner zu kämpfen hatte, sondern auch mit einer angeborenen Bewegungsbehinderung.
Es sind erstaunliche Lebenswege, die an dem Abend bekannt werden. Die Kür zeigt, welche Probleme Jugendliche manchmal meistern, wie sie aus einer Schwäche eine Stärke machen. Wie Chantal Priesack, die trotz schwerster Körperbehinderung eine junge Frau mit Kraft und Lebensfreude geworden ist, Psychologie studiert und sich um andere Behinderte kümmert. Chantal ist ”Essens Beste” in der Kategorie Handicap.

Etliche Jugendliche sind als Zuschauer gekommen, auch als Daumendrücker. Manchmal sind sie zu hören. Etwa als das Jugend-Team des DLRG den Ehrenamt-Preis erhält. Oder Maria Sakru den Preis für Zivilcourage. Sie wurde zusammengeschlagen, ließ sich nicht einschüchtern und beschritt mutig den Rechtsweg.
Die Entscheidung war für die Jury nicht leicht: ”Sie sind alle Gewinner”, sagt Henner Puppel, der Chef der National-Bank. Die Stadt könne stolz auf diese Jugend sein. Zurückhaltend und sympathisch präsentieren sie sich auf der Bühne, nehmen artig den ”Oscar” in Empfang wie Martin Hoch, ein Schüler, der bereits ein kleines Internetunternehmen führt und den Innovationspreis der Bank erhält. 
An der Kunst scheiden sich die Geister. Und der Sponsor, die Galerie 20.21, stellt gleich zwei Mal 5000 Euro zur Verfügung. Das freute die Brüder Alexey und Nicolai Gerassimez. Der eine spielt Klaiver, der andere Schlagzeug. Eie außergewöhnliche Schaffenskraft wird Samira Zaidan bescheinigt. Einer Malerin, die ebenfalls den Kunstpreis erhält.
Bei dieser Qualität von Jugend, sagt Thielen, müsse einer Stadt nicht bange sein. Die Fortsetzung folgt. ”Beste” gibt es immer.

Andreas Heinrich

NRZ, Dienstag, 20.Juli 2004

Erfolgs-Geschichten

Auszeichnung / Beim Wettbewerb ”Essens Beste” wurden junge Menschen für ihre besonderen Leistungen auf den unterschiedlichsten Gebieten geehrt. Preisverleihung in der Philharmonie.


Eine sonore Männerstimme aus dem Hintergrund, die das Publikum begrüßt, festlich gekleidete Moderatoren und sorgfältig verschlossene Umschläge mit ”and the winner is ...”-Kärtchen: Tatsächlich lag am Sonntagabend in der Philharmonie etwas von ”Oscar”-Glamour in der Luft, als die Namen von ”Essens Besten” verkündet wurden. 
Bodenständig, offen und sympathisch, teilweise sogar schüchtern dagegen die jungen Preisträger selbst – kein Gedanke an hollywoodreife, tränenerstickte Danksagungen an Mutti. Die meisten geehrten, die für ihr Engagement auf den unterschiedlichsten Gebieten unter 250 Vorschlägen ausgewählt wurden, zeichnet vor allem eines aus: Sie vereinen Talent und soziale Kompetenz. 
Dass es bei ”Essens Beste” nicht allein um gute Noten und Medaillen geht, betonte auch Oberbürgermeister Wolgang Reiniger. Der Schirmherr des bundesweit einzigartigen Wettbewerbs zeigte sich begeistert von der Idee, die aus der Partnerstadt Sunderland stammt und ”eine neue Sichtweise auf Erfolge” ermögliche. ”Besondere Hochachtung habe ich vor Leistungen, die junge Menschen unter schwierigen Bedingungen erbringen.”
Philharmonie erlebt erste La Ola

So war Chantal Priesack, ausgezeichnet mit dem ”Handicap-Preis” der mfi AG, denn auch die Sympathieträgerin des Abends. Unbeschwert wie kaum ein anderer Preisträger plauderte die 25-Jährige, die ohne Unterarme und Unterschenkel zur Welt kam, vor 1100 Gästen mit den Moderatoren Veronika Maruhn und Dirk Gion. Begeistert erzählte die Kupferdreherin von ihrem Psychologie-Studium, mit dem sie später vor allem behinderten Menschen helfen möchte – als ob sie selbst kein Handicap hätte.

Ebenso viel Applaus wie Chantal erhielten die 25 angehenden Retter des Jugend-Einsatz-Teams der DLRG – kein Wunder, schließlich hatten sie den größten Fanclub mitgebracht. Als Laudator Peter Renzel die Truppe zum Sieger in der Kategorie Ehrenamt kürte, erlebte die Philharmonie ihre wohl erste La Ola-Welle. Für Begeisterung sorgte auch das Rahmenprogramm: Die Musical-Studenten der Folkwang Hochschule und das ”Renegade-Theater” wurden dem jugendlichen Charakter der Feier mit ihren Stepp- und Hip-Hop-Einlagen mehr als gerecht. Folkwang-Talent Alexander Matrosov überraschte mit Akkordeon-Klängen fernab von Seemannsromantik.

Eine Überraschung gab es in der Kategorie Kunst, in der sowohl Musiker als auch bildende Künstler nominiert waren. ”Jede Kunst ist eine Welt für sich”, fand Thomas Olbricht von der ”Galerie 20.21”, der den Preis ausgelobt hatte, und legte 5000 Euro drauf, sodass es in dieser Kategorie zwei Gewinner gab. Nicht nur an der Einteilung der Kategorien, sondern auch an ein paar Details sollte bei der Wiederauflage von ”Essens Beste” noch gefeilt werden. Und den Nominierten ist man wohl etwas mehr Transparenz schuldig, was die Arbeit der Jurys angeht. Eines ist den Organisatoren vom Jugendamt in jedem Fall gelungen: Nicht das Rednerpult und die Laudatoren, sondern die Jugendlichen selbst standen zu Recht im Mittelpunkt.

Andreas Moor, Preisträger in der Kategorie ”Schüler”

”Das ist das beste Lob, das ich von meinen Lehrern bekommen kann”, sagte Andreas Moor, Essens Bester in der Kategorie ”Schüler”, und rührte damit fast zu Tränen – jedenfalls seine beiden Lehrerinnen von der Unesco-Schule, die ihn für den Preis vorgeschlagen hatten und am Sonntag im Rang saßen und mitfieberten. Der Stoppenberger, Jahrgang 1984, bringt am Aufbau-Gymnasium nicht nur im Unterricht überrangende Leistungen. Mit der Schulmannschaft wurde Andreas Stadtmeister im Schach, außerdem beteiligt er sich an Kunst-Ausstellungen.

Helen Sibium