ANDREAS HEINRICH, NRZ ESSEN, IM JULI 2001

Das Schuljahr endet mit Demonstrationen. Gestern Morgen erhob sich das aufbau-Gymnasium, wo "die halbe Welt" lernt. Zumindest die fünf Gymnasien im weiteren Innenstadtbereich gehen heute mit Sorgen in die Ferien. Drei Schulen droht das Ende. Die Direktoren brüten über Wege in die Zukunft.

Kurz nach neun füllt sich der Hof. 530 Schüler gehen auf das Gymnasium an der Steinmetzstraße. Es ist die einzige Unesco-Schule in Essen, ein Katzensprung von der A 40 entfernt. Internationaler zeigt sich Essen nirgendwo. Es sind Jugendliche aus 40 Nationen, die an diesem Morgen um den Erhalt des Gymnasiums kämpfen.

Zum Beispiel Hoschang Faten. Er erzählt an diesem Morgen seine Geschichte als Kriegsflüchtling. Mit 15 kam er auf die Schule. Lernte "neu laufen", wie er sagt. Wurde gefördert, von vielen betreut. "Es ist schwer, eine Schule zu finden, die einen so annimmt", sagt er. Jetzt hat er Abitur und wird Wirtschaft studieren.
Hoschnag ist kein Einzelfall. "Wir haben hier hervorragende Talente mit erschütternden Biografien", sagt Schulleiter Norbert Kleine-Möllhoff. Der Sprung vom Reisfeld in Vietnam an die laute Steeler Straße sei riesig, und das in jeder Beziehung. Dennoch komme es immer wieder zu Spitzenleistungen, betont der Direktor und denkt an Schüler aus dem Iran, Afghanistan, Kasachstan, Sri Lanka, Ukraine. "Was wird aus denen, wenn es unsere Schule nicht mehr geben sollte?"

Wer würde zum Beispiel Hosam aus Ägypten unter die Arme greifen. Er geht in die 9. Klasse, bekommt eine Spezialförderung in Deutsch. Schon nach fünf Monaten kann er sich gut verständigen, kommt im Unterricht mit. Und er freut sich, Freunde gefunden zu haben. Gazmend aus Mazedonien etwa. "Es ist so schön, dass es eine Schule gibt, in der Ausländer keine Außenseiter sind", meint eine Mutter.

Integration pur leistet das Aufbau-Gymnasium seit den 60er Jahren und versteht sich auch als Antwort auf Intoleranz und Ausgrenzung. Gesellschaftlich wäre es ein völlig falsches Signal, diese Schule wegen zu geringer Anmeldezahlen zu schließen, meinen viele Lehrer. In Amerika wäre man froh, so eine Einrichtung mit so vielen Talenten zu haben.

Die Qualität der Schule, die auch talentierte Haupt- und Realschüler in höheren Klassen zum Abitur führt, sieht Schuldezernent Oliver Scheytt. Er spricht von einem "Schmuckstück" in der Essener Schullandschaft. Für den Erhalt dieses Schulprofils werde er sich selbst einsetzen, verspricht er den Schülern. Doch unklar sei, wo dies sein werde.

Die Schulleiter der Innenstadt-Gymnasien denken über Fusionen nach. Fest steht, die Schülerzahlen reichen nicht mehr für alle. "Wir brauchen eine lukrative, eine ökonomische Lösung", sagt Hans Schippmann, Schulleiter und Vorsitzender des Schulausschusses. "Wenn wir nichts tun, gehen wir alle den Bach runter."

Schippmann sieht in der jetzigen Schuldebatte auch eine Pilotfunktion. "Die gleichen Probleme kommen zeitversetzt auch auf andere Statdteile zu."