ANDREAS HEINRICH, WAZ ESSEN, SAMSTAG 22. DEZEMBER 2001

WEIHNACHTEN 2001, TAUSENDE VON KILOMETERN FERN DER HEIMAT. WÜNSCHE BLEIBEN DA OFT AUF DER STRECKE. MANCHER HAT HEIMWEH, MANCHER VERMISST ALTE BRÄUCHE, MANCHER FEIERT WIE IMMER.

Für Alexey Rutskiy (17) ist es das erste Weihnachten in Deutschland. Seit Juni lebt er mit seinen Eltern in Essen. Die Heimat liegt 7000 Kilometer entfernt, in einem Winkel von Sibirien. Dort haben sie immer am 7. Januar Weihnachten gefeiert, bei minus 30, 40 Grad. Dick eingepackt ist er mit seinen Eltern durch den hohen Schnee zur Kirche gestiefelt. "Anschließend haben wir uns mit Großeltern getzroffen, am Tannenbaum gesessen, alte Fotos angesehen, gesungen."

Alexey hat gute Erinnerungen an Sibirien, und er hat etwas Heimweh. Gerade jetzt. Einen Baum haben sie diesmal nicht. Die Wohnung ist noch nicht fertig, geschweige geschmückt. "Keine Zeit. Ich muss lernen," sagt der 17-jährige, der das Aufbaugymnasium besucht.

Dort hat er Abdi Hagi-Ahmed kennen gelernt. Der kommt aus Somalia, ist Moslem und kann sich über Weihnachten in Deutschland nur wundern. Im letzten Jahr hat er in der WG, in der er lebt, mal mit gefeiert. Unterwäsche hätten sie ihm geschenkt. Das amüsiert ihn heute noch. "Ich staune, wie tief das Fest im Herzen der Menschen hier sitzt."

"Ich habe keine Wünsche", erzählt Kim Yen Nguyen aus Vietnam. Was sie bräuchte, könne man nicht schenken. Glück, Zufriedenheit, bessere Noten. Sie ist 19 und besucht die 11. Klasse am Aufbaugymnasium. Als Katholikin gehörte sie in Vietnam zur Minderheit. Weihnachten - das war die kleine Krippe zuhause bei 25 Grad. Tannenbaum gab es nicht. Geld gab es von den Großeltern - "eine Münze, damit man wächst." Davon habe sie Geschenke gekauft, meist Fleisch und Süßes.

Weihnachten 2001 wird die junge Vietnamesin mit der ganzen Familie feiern. Sie fahren zur vietnamesischen Messe nach Dortmund. Anschließend trifft man sich in einer Halle, zum Singen, Erzählen, Essen.

Einen weihnachtlichen Geist spüre sie hier in Deutschland nicht, gesteht Noralyn Lopez. Der Kaufrausch befremde sie. Sie vermisse Fröhlichkeit, Spaß. Dies hatte sie in der Heimat. Weihnachten auf den Philippinen, da wurde schon am 1. Dezember das ganze Haus geschmückt. Die Kinder halfen kräftig beim Putzen bis in den letzten Winkel. "Das gehörte zu unseren Geschenken." Dann wurden Instrumente gebaut, auf denen englische und heimische Lieder gespielt wurden. Noralyn erzählt begeistert von dieser Zeit. Zu essen gab es stets lange Nudeln. Diesmal auch. Ein altes Ritual, das ein langes Leben bringen soll. Gern kocht sie mit dem Vater. Auch das gehört für sie zu Weihnachten. Wünsche? Keine. "Man nimmt, was man bekommt."

Was ist mit meinen Eltern? Diese Frage beschäftigt in diesem Jahr Amit Kakar besonders. Der 16-jährige Afghane stammt aus Kabul. Seit einem Jahr lebt er mit seinem älteren Bruder in Essen. Feiern? er weiß es noch nicht.

Erst kurz in Essen lebt auch Natalja Martens. Sie kommt aus der Ukraine und muss jetzt erst einmal intensiv Deutsch lernen. In der Ukraine, berichtet sie, wurde erst am 7. Januar Weihnachten gefeiert. Zwölf Gerichte standen immer auf dem Tisch. "Alle Verwandten haben etwas mitgebracht." Und als Kinder seien sie von Hof zu Hof gezogen, haben gesungen. Sie lacht heute darüber.

Sri Shivanthini aus Sri Lanka macht in einem Jahr Abitur. Sie will mal Indologie studieren. Ihre Familie ist weit verstreut, in Berlin trifft sie Weihnachten Verwandte. Bei einer Feier werden sie tamilische Tänze zeigen, die von der biblischen Geschichte erzählen. Sie ist katholisch erzogen, obwohl der Vater Hindu war. Wünsche? Auch sie sagt: "Nein. Man nimmt, was gegeben wird."