Essen (epd). 20 Jugendliche laufen durcheinander und versuchen, sich in einer Reihe in alphabetischer Reihenfolge ihrer Vornamen aufzustellen. Die Mädchen und Jungen verständigen sich lachend auf Englisch und mit den Händen, bis es klappt. Das Kennenlernspiel macht ihnen sichtlich Spaß.

Lehrer Klaus Kirstein schaut begeistert zu: "Als ob sie sich schon ewig kennen." Dabei sind die Schüler der Bialik-Rogozin-Schule aus Tel Aviv erst wenige Stunden zuvor bei ihrer Partnerschule, der Unesco-Schule in Essen, eingetroffen. Was den Geschichts- und Religionslehrer außerdem freut: Es ist nicht zu erkennen, welche Schüler von welcher Schule kommen. Beide Gruppen sind mehr oder weniger international.

 

Sowohl die Unesco-Schule als auch die Bialik-Rogozin-Schule haben einen sehr großen Anteil an Schülern, die aus Zuwanderer- oder Flüchtlingsfamilien stammen, und sehen Integration als besondere Aufgabe. So kam auch die Partnerschaft im Sommer 2016 zustande. Bei einem Austausch der Partnerstädte Essen und Tel Aviv gab es erste Kontakte. Ein Film über die Bialik-Rogozin-Schule habe schließlich den Ausschlag gegeben, weil Lehrer der Essener Schule festgestellt hätten: "Die machen ja das gleiche wie wir", berichtet Kirstein, der den Austausch organisiert.

Im November reisten Essener Schüler nach Tel Aviv, jetzt ist zum ersten Mal Gegenbesuch aus Israel im Ruhrgebiet. "Ich finde es wunderbar", sagt Lehrerin Aviva Bouchnik. "Es ist eine gute Gelegenheit für Schüler und Lehrer, eine Schule kennenzulernen, die ähnliche Erfahrungen mit Einwanderern und Flüchtlingen hat."

Die Bialik-Rogozin-Schule besuchen rund 1.300 Schüler aus 50 Nationen. Neben Kindern von Einwanderern gehören dazu auch Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten. Ihnen will die Schule ein "Zuhause in der Fremde" bieten, wie Schulleiter Eli Nechama es formuliert hat und wie Autor Norbert Kron es in dem gleichnamigen Buch dokumentiert, das jetzt erschienen ist.

Dazu gehört, dass die Schule von 7.30 bis 19.30 Uhr geöffnet ist. Es gibt Essen, eine "Elternschule", Unterstützung bei Behörden und persönlichen Problemen. Kunst, Musik und Sport spielen eine wichtige Rolle. Wenn möglich, erhalten die Kinder auch muttersprachlichen Unterricht, um ihre eigene kulturelle Identität zu erhalten. Mehr als 300 Ehrenamtliche und Sponsoren unterstützen die Schule als Paten oder in Projekten.

An der Essener Unesco-Schule unterrichten 45 Lehrer 550 Schüler aus mehr als 40 Ländern. Das Aufbaugymnasium nimmt Schüler ab der 7. Klasse auf, die von Haupt- und Realschulen, aber auch von G8-Gymnasien kommen. "Wir sind eine Schule der zweiten Chance, wo jeder seinen Lebens- und Lernweg gehen kann, wie er es braucht", betont Kirstein.

Bereits seit 1985 gibt es "Vorbereitungsklassen", in denen Flüchtlinge und Zuwanderer erst einmal die deutsche Sprache lernen, bevor sie in Regelklassen wechseln. "Neuankömmlinge finden immer ältere Schüler, die ihre Sprache sprechen", sagt Kirstein. Die Schüler fühlten sich nicht ausgegrenzt, "weil alle anders sind". Natürlich gebe es auch an der Unesco-Schule mal Streit, aber "keine Konflikte zwischen Ethnien oder Gruppen", betont der Lehrer.

Im Vergleich zur israelischen Partnerschule stellt Kirstein allerdings fest: "Uns fehlen viele Ressourcen." Es gebe etwa keine so breite Unterstützung durch Ehrenamtliche. Dafür kooperiert die Unesco-Schule mit Kultur- und Bildungseinrichtungen in ganz Essen.

Unterstützung hat das engagierte Lehrerkollegium durch eine Sozialarbeiterin, die den Schüler etwa bei Behördengängen hilft. "Wir bräuchten eigentlich noch einen Psychologen", meint Kirstein mit Blick auf die Kinder mit Kriegstraumata. Auch im musisch-künstlerischen Bereich sind noch Wünsche offen: "Wir haben zurzeit keinen Musiklehrer."

Erfahrungen haben beide Schulen bereits mit Abschiebungen gemacht. Die Schule versuche in solchen Fällen zu erreichen, dass die Betroffenen wenigstens ihre Ausbildung beenden könnten, sagt Kirstein. Verhindern lasse sich eine Abschiebung aber meist nicht. "Dann müssen wir mit den Klassen und Kursen über Ängste und Sorgen sprechen."

Aber es gibt auch Erfolge: So gelang es den Essener Lehrern, für den staatenlosen Johnson Blay, einen in Liberia geborenen Flüchtling aus Ghana, Pass und Reiseerlaubnis zu bekommen, damit er zum Austausch nach Israel reisen konnte. "Dafür zu arbeiten, macht Spaß", sagt Kirstein.

Von Esther Soth, EPD

 

 

Der komplette Artikel ist erschienen im Evangelischen Pressedienst, Landesdienst West und erreichbar unter:

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